Von der Arbeitertochter zur Akademikerin

Eigentlich heißt die Studie von Aladin El-Mafaalani, die ich Ihnen vorstellen möchte,  vom „Arbeiterkind zum Akademiker“. Sie gibt ein klares Bild darüber, was der soziale Aufstieg für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund bedeutet – wie erlerntes verlernt werden muss, wie wichtig die Herkunftsfamilie und das Herkunftsmilieu ist. El-Mafaalani beschreibt, wie Aufstiegskinder sich von ihrer Familie entfernen und dass sie dabei komplexe Anpassungsleistungen erbringen müssen. Er bezieht sich auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu und das von ihm beschriebene Kapital, das Menschen erfahren bzw. mitbringen: das ökonomische (Einkommen der Eltern), das kulturelle (Bildungsniveau der Eltern) und das soziale (Netzwerke: Familie, Freunde und Freundinnen, Kolleginnen und Kollegen der Eltern) Kapital.
Auch ähnliche Denk- und Handlungsmuster,  die sich sehr früh und nachhaltig entwickeln, beschreibt Aladin El-Mafaalani anschaulich. Dabei geht er – wie im Übrigen schon Bourdieu – von einem Habitus (Denk- und Handlungsmustern) der Notwendigkeit bei Kindern aus bildungsfernen und benachteiligten Familien aus. D.h. es wird gefragt, ob das was getan werden soll, „etwas bringt“. Das Lernen von Dingen, die nicht verwertbar sind, wird als überflüssig angesehen, d.h. auch, dass sich einfaches Erfreuen an Worten oder an Musik den Kindern in der Regel nicht erschließt. Motivation und Ehrgeiz werden dadurch eingeschränkt.  Im frühen Kindesalter werden auch Geschmack und Interessen ausgebildet, die bei einem sozialen Aufstieg dazu führen, sich nicht dazu gehörig, sich fremd zu fühlen. Das bedeutet wiederum, dass erfolgreiche Aufsteigerinnen und Aufsteiger verschiedene Milieus kennen lernen und auch Prägungen aus der Kindheit verlernen müssen, um erfolgreich sein zu können. Bringen diese womöglich letztendlich Ressourcen mit bzw. entwickeln einen Habitus, der neu beschrieben werden müsste?
El-Mafaalani meint, dass es bei den sozial Mobilen keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern gäbe.  Wie sieht der Weg der Arbeitertochter zur Akademikerin aus? Ich bezweifele, ob das überhaupt schon erforscht wurde. Wie viele Frauen schaffen überhaupt den Aufstieg? Sind es genauso viele wie Männer? Michael Hartmann, Eliteforscher, hat in einen seiner Untersuchungen festgestellt, dass die Gruppe der Frauen, die zu bestimmten Eliten gehören, zu klein wäre, um repräsentative Aussagen machen zu können.  Haben Frauen es schwerer, weil sie sich auch gegen die Diskriminierung von Frauen zur Wehr setzen müssen? Haben sie es vielleicht sogar leichter, weil alle Frauen – unabhängig von ihrer Herkunft – immer die „anderen“ sind, die nicht ganz dazugehören? Lernen Sie einen anderen Habitus als die Männer – unabhängig von der Herkunft? Und sind sie dadurch möglicherweise flexibler? Und wie sieht es bei den Aufsteigerinnen mit Migrationshintergrund aus? Welchen Habitus bringen sie mit? Unterscheidet er sich von dem der Männer mit Migrationshintergrund? Das Kapital, das Frauen – ob mit oder ohne Migrationshintergrund -  je nach Milieu mitbringen, unterscheidet sich voraussichtlich nicht von dem der Männer gleicher Herkunft. Aber m.E. gibt es hier viele Fragen, die noch nicht beantwortet wurden. Die sehr gut zu lesende Studie, die mich zum Nachdenken und Nachfragen angeregt hat und die ich nur empfehlen kann,  können Sie sich hier herunterladen oder lesen.